Wenn Tesla zu einer Fahrzeugpremiere auf ein Raketentestgelände lädt, dann darf man sich auf einiges gefasst machen. Nach satten neun Jahren Funkstille und zahllosen Verschiebungen hat das Unternehmen endlich das Tuch von der Neuauflage des Roadster gezogen. Das Ergebnis ist kein gewöhnliches Elektroauto mehr, sondern eine rollende Rakete, die den Gesetzen der klassischen Fahrdynamik fröhlich ins Gesicht lacht.
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© TeslaEin Stealth-Bomber statt eleganter Flaniermeile
Wer 2017 eine saftige Anzahlung für die geschwungenen, fast schon zierlichen Formen des damaligen Prototyps überwiesen hat, muss jetzt ganz stark sein. Vom ursprünglichen Entwurf ist optisch quasi nichts übrig geblieben. Statt runder Formen präsentiert sich der Stromer als kantig geschliffener Keil, der optisch eher auf einem Flugzeugträger als vor der Eisdiele parken sollte. Die Inspiration durch moderne Kampfjets und die markante Linienführung des Cybertruck sind unübersehbar.
Dazu kommt eine amüsante begriffliche Wandlung, denn ein klassischer Roadster im automobilen Wortsinn ist dieses Geschoss beim besten Willen nicht mehr. Wer Frischluftvergnügen ohne Verdeck erwartet hat, blickt nun auf ein festes Dach und spektakulär nach oben schwingende Scherentüren. Immerhin sorgt die kompromisslose Aerodynamik für reichlich Gesprächsstoff, denn mit versteckten Scheinwerfern, Titan- und Carbon-Elementen sowie einer Speziallackierung im Raumfahrtstil zielt der Wagen auf maximale Effizienz bei extremen Geschwindigkeiten.
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© TeslaRaumfahrttechnik für den Asphalt: Staubsauger und Schubdüsen
Was Tesla unter der kantigen Außenhaut auffährt, lässt die Kinnladen der Technikwelt herunterklappen. Um die physikalischen Grenzen normaler Straßenreifen zu überlisten, sitzt im Fahrzeugboden ein Gebläsesystem, das die Luft unter dem Wagen absaugt und einen gewaltigen Anpressdruck erzeugt. Bis zu zwei G an Abtrieb sollen so entstehen, wodurch sich das Fahrzeug förmlich an den Asphalt saugt und im Stand sogar kopfüber an einer Rampe haften kann.
Vollends ins Reich der Science-Fiction driftet die Kooperation mit SpaceX ab. In den schärferen Ausbaustufen namens Thrust und Rocket kommen Kaltgas-Triebwerke zum Einsatz, die mit komprimiertem Gas zusätzlichen Vorwärtsschub und Querbeschleunigung generieren. Bei der Show-Präsentation rotierte ein ferngesteuerter Prototyp damit sogar für wenige Sekunden durch die Luft. Auf dem Papier ermöglicht dieser Raketen-Boost eine Beschleunigung von null auf sechzig Meilen pro Stunde in atemberaubenden 0,81 Sekunden. Das entspricht mehr als drei G an Beschleunigungskräften, was selbst erfahrenen Achterbahntestern die Gesichtszüge glätten dürfte. Bei rund 370 km/h Höchstgeschwindigkeit soll dann das Limit erreicht sein.
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© TeslaWo die Euphorie eine harte Landung hinlegt: Die Kritik
Bei aller Faszination für diesen automobilen Wahnsinn muss man als aufgeschlossener Beobachter der Elektromobilität den Finger in die Wunde legen. Da wäre zunächst der gewaltige Realitätscheck beim Energiespeicher: Aus dem einst vollmundig versprochenen 200-Kilowattstunden-Paket für tausend Kilometer Reichweite sind im Datenblatt nun maximal 480 Kilometer geworden. Grund dafür ist der verständliche Zwang zum Leichtbau, doch für Langstrecken-Enthusiasten ist das eine spürbare Schrumpfkur.
Zudem wirft der Alltagsnutzen berechtigte Fragen auf. Die spektakulären Flugeinlagen und Kaltgasdüsen des extremen Rocket-Pakets besitzen auf öffentlichen Straßen logischerweise keine Zulassung, denn niemand möchte beim sonntäglichen Stadtbummel von einem Druckluftstrahl vom Gehweg gefegt werden. Zudem verlangt Tesla für die Reservierung der schärferen Versionen stattliche Vorkasse-Summen von bis zu 250.000 Euro, während der offizielle Produktionsstart auf das Jahr 2028 datiert ist. Angesichts der bisherigen Verzögerungen erfordert das von der wohlhabenden Kundschaft ein beachtliches Maß an Geduld und Vorschussvertrauen. Im Interieur regiert zudem die gewohnte Kargheit mit Yoke-Steuerhorn und einem einzelnen Bildschirm, was in dieser Preisklasse nicht jeden Geschmack treffen wird.
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© TeslaEin letztes Hurra für das Lenkrad
Trotz aller berechtigten Skepsis gegenüber dem Show-Effekt transportiert der neue Roadster eine bemerkenswerte Botschaft. In einer Ära, in der Tesla fast alles auf autonomes Fahren und fahrerlose Taxis setzt, soll dieser Sportler laut Firmenführung das letzte Modell sein, das explizit für den Menschen am Steuer gebaut wird. Ein analoger Rebell im digitalen Zeitalter, vollgestopft mit irrwitziger Elektro-Power.
Wenn Tesla es schafft, diesen Traum bis 2028 tatsächlich auf die Straße zu bringen und die extreme Saug-Aerodynamik alltagstauglich zu bändigen, dann setzt dieser Bolide neue Maßstäbe für die Machbarkeit elektrischer Höchstleistung. Bis dahin bleibt der Roadster das spektakulärste Gedankenspiel der Branche, bei dem die Grenze zwischen Automobil und Raumgleiter endgültig verschwimmt.
















